Virtuelle RekonstruktionMuseum Hochzeitshaus Fritzlar
Mit VR-Brille in die historische Fritzlarer Synagoge
Was wurde gefördert und welche Ziele wollten Sie damit erreichen?
Wir haben eine Maßnahme zur Einbindung von Virtual-Reality-Angeboten in Bezug auf die Fritzlarer Synagoge beantragt. Die Fritzlarer Synagoge in der Neustädter Straße wurde am 8. November 1938 zerstört. Am historischen Standort befindet sich heute ein Wohnhaus; eine Gedenktafel erinnert an das frühere Gebäude. Damit ist die Synagoge aus dem Stadtbild ebenso verschwunden wie aus der räumlichen Wahrnehmung. Das Museum Hochzeitshaus greift diese Leerstelle auf und macht den verlorenen Ort erstmals wieder erfahrbar. Zentraler Bestandteil ist eine virtuelle Rekonstruktion der unzerstörten Synagoge, die mittels VR-Brille begangen werden kann und durch einen Film ergänzt wird. Die VR-Anwendung zeigt Architektur, Raumproportionen und liturgische Ausstattung. Dadurch wird beim Betrachter ein spezifisches Raumgefühl evoziert. Die Besucher*innen sitzen auf Stühlen und erleben die Synagoge so, als ob sie in einer der Bankreihen säßen. Ihre Blickbewegungen werden auf die VR-Anwendung übertragen. So wird der Gebetsraum aus der Perspektive der damaligen Gemeinde erlebbar. Virtual Reality wird hier bewusst eingesetzt, um dort räumliche Zusammenhänge zu vermitteln, wo bauliche Zeugnisse vollständig fehlen. Der technische und organisatorische Aufwand folgt dem Anspruch, Erinnerungskultur nicht nur zu dokumentieren, sondern räumlich begreifbar zu machen. Die Einbindung von Virtual-Reality-Angeboten in die bestehende Dauerausstellung zur Stadtgeschichte wurde über Projektmittel des Museumsverbandes Hessen teilfinanziert.
Was hat sich dadurch verändert?
Der digitale Raum ersetzt keine Erinnerung, sondern macht den Verlust des realen Ortes nachvollziehbar. Dies wird von den Besucherinnen und Besuchern mündlich und im Gästebuch formuliert. Mit diesem Ansatz beteiligte sich das Museum an einem bundesweiten Projekt zur virtuellen Rekonstruktion von Synagogen in Deutschland. Die VR-Station ist in die Dauerausstellung zur Stadtgeschichte eingebunden und wird durch historische Fotografien, Texte und eine Hörstation zum jüdischen Leben in Fritzlar ergänzt. Die digitale Rekonstruktion steht damit nicht isoliert, sondern ist Teil eines kuratierten Vermittlungskonzepts, das analoge und digitale Ebenen verbindet. Vertiefend entwickelte das Museum ein buchbares, inklusives Bildungsangebot für Schulklassen aller Schulformen. Zur Förderung der Teilhabe kommen die App „GoTalkNow“ und „Metatalk-Symbolik“ zum Einsatz. Die App unterstützt zum Beispiel speziell Menschen mit Sprechbehinderungen oder Sprachbarrieren, sich über das Antippen von Bildern, Symbolen oder Text mitzuteilen. Durch eigene Vorlesestifte wie den Anybookreader, über den u. a. Geschichten vorgelesen werden können, werden auch besonders jüngere Kinder an das Thema spielerisch herangeführt.
Die Beschäftigung mit der Vergangenheit mündet bewusst im Blick auf die Gegenwart: Bei einem Besuch der Synagoge in Felsberg erhalten die Schüler*innen Einblicke in heutiges jüdisches Gemeindeleben.
Wer oder was war für Sie eine wertvolle Unterstützung?
Eine wertvolle Unterstützung waren zwei Fritzlarer Lehrerinnen. In Kooperation mit Annika Wagner und Stephanie Kersten entstand gemeinsam mit Museumsleiterin Stefanie Mnich ein Projekt, das biografische Zugänge in den Mittelpunkt stellt. Biografieboxen mit Objekten, historischen Quellen und Dokumenten ermöglichen eine persönlichere Auseinandersetzung mit den Lebensgeschichten ehemaliger jüdischer Bürgerinnen und Bürger aus Fritzlar. Ein Zeitzeuginneninterview erweitert diese Perspektiven.
Realisiert wurde das Gesamtprojekt maßgeblich vom Landesverband der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Hessen e. V. in Zusammenarbeit mit der Firma Architectura Virtualis, Kooperationspartner der TU Darmstadt. Außerdem engagierten sich ehrenamtlich mehrere Fritzlarer Vereine, etwa der Geschichtsverein und der Museumsverein, der GEW Kreisverband Fritzlar-Melsungen-Homberg, Privatpersonen und nicht zuletzt beratend und finanziell der Museumsverband Hessen.
Ihr Top-Tipp für andere Museen?
Ich bin überzeugt: Ein Stadtmuseum lebt von der Verbindung zu seiner Stadtgesellschaft. Deshalb bringen wir unser Leitbild auf den Punkt: Alle Ausstellungen und das gesamte Jahresprogramm entstehen gemeinsam mit den Menschen aus der Stadt und ihrer Umgebung. Wenn wir konsequent auf das setzen, was vor Ort an Ideen, Geschichten und Engagement vorhanden ist, entsteht nicht nur echte Identifikation nach innen, sondern auch Strahlkraft nach außen.

Die Fragen beantwortete: Stefanie Mnich | Museumsleiterin Museum Hochzeitshaus Fritzlar